20.05.12

Misshandlung und Missbrauch - Gewalt hinterlässt tiefe Narben im Gehirn Misshandlungen und Missbrauch im Kindesalter können das Erbgut verändern – und das Altern beschleunigen



Die Bilder aus rumänischen Kinderheimen Anfang der 90er-Jahre schockierten die Welt. Sie zeigten völlig apathische und abgemagerte Mädchen und Jungen, darunter Dreijährige, die weder laufen noch sprechen konnten. Drastischer konnte man die Folgen von Verwahrlosung, Gewalt und fehlender Zuwendung kaum vor Augen führen.
Seit mehr als zehn Jahren beobachten Wissenschaftler die Bedingungen, unter denen Heimkinder heute in Rumänien leben. Dabei interessieren sie auch die äußerlich nicht sichtbaren Auswirkungen erlittener Traumata.


Schützende Kappen
Die Enden der Chromosomen werden Telomere (von griechisch télos – Ende und méros – Teil) genannt. Mit jeder Zellteilung verkürzen sie sich. Kurze Telomere werden mit einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, aber auch mit einer geringeren Lebenserwartung in Verbindung gebracht.
Der US-Wissenschaftlerin Elizabeth Blackburn brachte die Erforschung der Telomere 2009 den Medizin-Nobelpreis ein. Sie verglich die Funktion der Telomere mit den Schutzkappen am Ende eines Schnürsenkels. Sie sorgten dafür, dass der Schnürsenkel nicht ausfranst.
Ähnlich wie Klebstoff kann das Enzym Telomerase die Chromosomenenden „reparieren“. Doch mit zunehmendem Alter verkürzen sich die Telomere – bis die Zelle irgendwann stirbt.
Stress geht unter die Haut
So wiesen US-amerikanische Forscher im vergangenen Jahr nach, dass rumänische Waisenkinder nicht nur psychische und physische Schäden davontrugen, sondern sich auch ihr Erbgut veränderte: Bei DNA-Tests, die sie mit Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren durchgeführt hatten, waren die sogenannten Telomere, die Enden der Chromosomen, deutlich verkürzt. Je mehr Zeit die Kinder im Heim verbrachten, desto kürzer waren sie. Das wiederum könnte darauf hindeuten, dass die betroffenen Heimkinder eine kürzere Lebenserwartung haben, denn die Telomerlänge gilt als Indikator für das Altern.
Ähnliche Ergebnisse haben britische und US-amerikanische Forscher jetzt für eine Gruppe von britischen Kindern im Fachmagazin Molecular Psychiatry präsentiert. Die Enden der Chromosomen in den kindlichen Körperzellen verkürzen sich schneller, wenn die Jungen und Mädchen Mobbing, Misshandlungen oder häusliche Gewalt erlitten.

„Die Forschung lässt interessante Rückschlüsse darauf zu, wie Stress das menschliche Genom beeinflusst und unser Leben formt“, sagt Avshalom Caspi, Professor für Psychologie und Verhaltensforschung an der Duke-Universität in Durham, USA. Den Effekt der verkürzten Telomere konnte die Forschergruppe schon im Alter von fünf bis zehn Jahren nachweisen. Grundlage ihrer Untersuchung war eine Untergruppe der sogenannten E-Risk-Studie, einer Langzeituntersuchung mit mehr als 1 000 Zwillingspaaren.
Ihre Ergebnisse zeigten, wie traumatische Erfahrungen Kindern buchstäblich unter die Haut gehen könnten, sagen die Wissenschaftler. Sie behaupten, das fehlende Glied gefunden zu haben, das Kindheitstraumata mit Problemen im späteren Leben in Verbindung bringt.
Aber ist der Beweis stichhaltig? Welche Aussagekraft hat das für den Lebensweg dieser Kinder? Könnten sich die Telomere, die die Forscher über Abstriche aus der Mundschleimhaut bestimmten, nicht später wieder verlängern? Und vielleicht hat ja die Umwelt, etwa durch Therapien oder positive Lebensumstände, eine gewisse „heilende“ Wirkung.
"Kompensatorische Mechanismen"
Natürlich könnten „kompensatorische Mechanismen“ wirken, sagt Professor Johannes Kruse, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Er warnt vor monokausalen Erklärungen nach dem Motto: Wer als Kind traumatisiert worden sei, habe grundsätzlich eine geringere Lebenserwartung. Dennoch zweifelt er daran, dass es eine Art Wiedergutmachung für Traumata wie sexuellen Missbrauch oder andere Formen von Gewalt geben kann.



Misshandlung und Missbrauch
Gewalt hinterlässt tiefe Narben im Gehirn

Johannes Kruse rechnet damit, dass es bald weitere Belege für den Einfluss von extremen Stressfaktoren auf die Erbsubstanz geben wird. „Es verdichten sich die Hinweise darauf, dass solche Erlebnisse die Biologie massiv prägen“, sagt der Professor an der Universität Gießen, der zu den Auswirkungen von Misshandlungen im Kindesalter forscht.
Zwar wisse man seit langem, dass Gewalterfahrung oder sexueller Missbrauch in der Kindheit unter anderem das Risiko für Herzinfarkte und Diabetes erhöhten, sagt er, aber nun machten bildgebende Verfahren und die molekularmedizinische Forschung auch die biologischen Wege dorthin sichtbar.
Dass Misshandlungen und mangelnde Zuwendung nicht nur Narben in der Seele, sondern auch im Gehirn hinterlassen, zeigten auch Untersuchungen mit Hilfe von Magnetresonanz-Tomografie an der Universität Münster. Dort beobachteten Wissenschaftler des interdisziplinären Otto-Creutzfeld-Zentrums für kognitive- und Verhaltensneurowissenschaften im vergangenen Jahr die Langzeitfolgen von Kindesmisshandlungen.
Das Trauma war jeweils im Gehirn der Betroffenen ablesbar: Je mehr Gewalterfahrung oder Vernachlässigung die mittlerweile erwachsenen Probanden erlebt hatten, desto kleiner waren wichtige Gehirnstrukturen wie etwa der für das Lernen und für das Gedächtnis wichtige Hippocampus.
Ähnliche Ergebnisse zeigten sich im Stirnlappen, der für die Regelung von Emotionen zuständig ist. Gleichzeitig stellten die Forscher um Udo Dannlowski fest, dass der so genannte Mandelkern „überaktiv“ war – also jener Teil des Gehirns, der Reaktionen wie Angst regelt.
Diese Hyperaktivität hat aus Sicht des betroffenen Kindes durchaus einen Sinn, denn sie sorgt dafür, dass es potenzielle Gefahren besser wahrnehmen und sich vielleicht besser schützen kann. Ende vergangenen Jahres ergaben Studien von Forschern des University College London, dass Misshandlungen bei Kindern eine ähnliche Wirkung haben wie Kriegserlebnisse bei Soldaten. Auch diese schützen sich, indem ihr Gehirn permanent auf Alarmzustand schaltet.

Frühe Prävention
Doch das hat seinen Preis: Soldaten wie Kinder stehen unter Extrem-Stress. Die Folge können nicht nur lebenslange psychische Beeinträchtigungen sein, sondern die Erfahrungen wirken sich auch auf der Ebene der Neuronen aus.
„Keines der von uns untersuchten Kinder hatte körperliche oder psychische Probleme“, resümierte Studienleiter Eamon McCrory, der seine Ergebnisse im Fachjournal Current Biology veröffentlichte. Trotzdem hätten sich veränderte Gehirnfunktionen gezeigt: „Wir vermuten, dass sich das Kind diesen Veränderungen zwar kurzfristig anpassen kann, doch langfristig sind sie eine Gefahr.“
Sein Kollege Peter Fonagy, Forschungskoordinator am Anna Freud Center in London, setzt deshalb auf frühe Prävention: „Die Forschungsergebnisse sollten Mediziner und Sozialarbeiter dazu bringen, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, Kinder vor Gewalt und Missbrauch zu schützen.“

1 Kommentar:

  1. Der Mißhandlung der Kinder sollte nun wirklich endlich einhalt geboten werden. Ich kann es nicht verstehen, wie ein Mensch einem kleinen Kind so etwas antun kann.

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