Verlagsinfo:
"Wer stört, wird zerstört!
"Über sieben Jahre wurde Gustl Mollath in verschiedenen forensischen
Psychiatrien weggesperrt. Zweifelhafte Anklagen wegen angeblicher
Straftaten führten zu einem langjährigen Martyrium. Mollath hat
gestört, war unbequem. Er zeigte Schwarzgeldverschiebungen, Kapitalflucht
und Geldwäsche in großem Umfang an. Und machte sich damit Feinde.
Verurteilt von Staatsanwälten, Richtern, Psychiatern, Politikern und
Medien als gemeingefährlicher Wahnsinniger. War es Verantwortungslosigkeit,
Inkompetenz, eine Verkettung unglücklicher Umstände, eine Verschwörung
oder ein Systemfehler? Die Autoren nehmen sich der Affäre Mollath
an, denken aber über den Einzelfall hinaus und verdeutlichen: Die
Missstände in Justiz und Psychiatrie sind groß. Kann es wirklich
jedem passieren, plötzlich weggesperrt zu werden?"
Leseprobe:
Gustl Mollath
»Macht braucht Kontrolle, wirksame Kontrolle«
"Was in unserem Land in der Justiz, Politik, Bankenwirtschaft und der
Psychiatrie abläuft, muss öffentlich werden. Wir dürfen
darüber nicht länger schweigen.
Hinter der Fassade unseres demokratischen Rechtsstaates
herrschen Zustände, die ihresgleichen suchen und die an die dunkelsten
Zeiten der deutschen Geschichte gemahnen.
Ich weiß, ich hatte Glück. Großes
Glück. Nur durch den Einsatz und die Unterstützung vieler Menschen,
die mein Schicksal nicht kalt gelassen hat und die sich auf eine unglaubliche
Art für mich eingesetzt haben, bin ich nun in Freiheit. Nur durch
die in meinem Fall zustande gekommene Öffentlichkeit waren die Institutionen
regelrecht dazu gezwungen, mich vor die Tür zu setzen. Aber: Meine
nun wieder gewonnene Freiheit bedeutet für mich noch lange nicht,
so frei zu sein, wie es alle anderen Mitbürger sind. An mir hängt
ein großer Makel. Diesen Makel kann ich nur loswerden durch ein ordentliches
Wiederaufnahmeverfahren, das jetzt immerhin wahrscheinlich geworden ist.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Gesetze in
Deutschland sind mitnichten schlecht. Sie sind sogar überwiegend dazu
angetan, für ein friedliches Gemeinwesen zu sorgen und vor Übergriffen
zu schützen. Nur: Was helfen die besten Gesetze, wenn diese hintergangen
und missachtet werden und wenn es keinerlei tatsächlich wirksame Kontrolle
gibt, nur Pseudokontrollen?
In vielerlei Hinsicht gelten wir Deutsche als Vorbildnation.
Auf unser Land setzen viele Menschen in der Welt ihre Hoffnung. Da darf
es doch nicht sein, dass es unter unserem Sofa tatsächlich ganz anders
aussieht. [>182]
Ich habe immer erwartet und erwarte weiterhin, dass
die Institutionen so arbeiten, wie es theoretisch die Gesetze vorgeben.
Aber in meinem Fall fand genau das Gegenteil statt.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie damals eine
Ärztin empfohlen hat, mich auf meinen Geisteszustand zu überprüfen.
Schon war ein Richter vom Amtsgericht Nürnberg zur Stelle, der den
entsprechenden Beschluss gefasst hat, gerade so, als wäre es vorher
schon abgesprochen gewesen. Damals war mir klar: Nun geht es um alles,
nun geht es um mein Leben. Ich konnte mir damals schon vorstellen: Wenn
Sie erst einmal in dieses Räderwerk aus Justiz und Psychiatrie hineingeraten,
kommen Sie nie mehr raus. Und das, was die Psychiatrie aus Ihnen möglicherweise
macht, was sie aus Ihnen machen kann, ist grausam. Am Ende ist nicht ausgeschlossen,
dass Ihre eigene Mutter Sie nicht mehr wiedererkennt.
Wie Sie alle wissen: Ich war in der forensischen
Psychiatrie. Dort kommen die Menschen hin, die angeblich Straftaten begangen
haben, aber aufgrund einer angeblich psychischen Störung nicht schuldfähig
sind.
Die jüngsten Mitgefangenen, die ich während
meiner zwangsweisen Unterbringung gesehen habe, waren fast noch Kinder,
erst vierzehn Jahre alt. Was ich da mitbekommen musste, was mit diesen
»Patienten« gemacht wurde, darüber kann ich nicht schweigen.
Diese jungen Patienten wurden missbraucht, misshandelt -und das unter den
Augen des Personals und der Ärzteschaft. Wenn diesen Zuständen
in der Psychiatrie nicht Einhalt geboten wird, dann handeln wir uns psychische
Bomben ein. Die Jugendlichen, die in den Psychiatrien untergebracht sind,
kommen teilweise aus diesem völlig destruktiven Kreislauf nicht mehr
heraus. Ich habe Mitgefangene junge Mädchen gesehen, die nicht zuletzt
durch diese unsägliche Medikamentengabe zu regelrechten körperlichen
und geistigen Monstern aufgedunsen sind, obwohl sie tief im Inneren ganz
liebe, verletzliche, gefühlvolle Menschen sind. Wie mit denen über
Jahre und Jahrzehnte umgegangen wird, es ist unsäglich.
Oft fängt die Leidensgeschichte der jungen
Menschen mit problematischen familiären Umständen an. Zuerst
kommen sie [>183] zwangsweise in ein Kinderheim, unter Umständen durchs
Jugendamt getrennt von der Mutter, von den Eltern, von der ganzen Familie.
Je nachdem dauert es nicht lange, bis sie im Alter von zwölf oder
vierzehn Jahren kriminalisiert sind und in der Forensik landen. Sie haben
dann ein ganz schweres Schicksal, das sich häufig über Jahre
hinzieht. Um diese jungen Menschen kümmert sich schließlich
niemand mehr.
Sie stecken in einem System, einem geschlossenen
System, das über die Deutungshoheit verfügt. Das System bestimmt
die Wahrheit. Das System bestimmt, ob die hier Eingeschlossenen gesund
oder krank sind. Dieses System ist kein imaginäres Etwas. Dieses System
besteht aus vielen Personen, die es durch ihre Zusammenarbeit erst ermöglichen.
Systeme der Unterdrückung, Systeme, in denen Menschen über andere
herrschen, gab es schon immer. Macht braucht Kontrolle - und zwar wirksame
Kontrolle.
Ich will damit nicht sagen, dass man einfach die
Anstalten abschaffen soll. Kein Zweifel besteht doch darin, dass es Menschen
gibt, die wirklich sehr gefährlich sind, für sich und auch für
die Allgemeinheit. Aber auch in diesen Fällen bekleckert sich die
Psychiatrie nicht gerade mit Ruhm. Immer wieder passiert es, dass gefährliche
Straftäter freigelassen werden und dann schlimme Straftaten begehen.
Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass ganz viele Fehldiagnosen gestellt
werden. Einerseits werden Menschen, die eigentlich gesund sind, als krank
diagnostiziert, andererseits werden Menschen, die tatsächlich gestört
sind, als gesund diagnostiziert. Fast hat man das Gefühl, dass die
betreffenden Ärzte, wenn ihre Diagnose dann doch mal passt, einen
Glückstreffer gelandet haben.
Wenngleich ich nicht über das Wissen eines
studierten Psychiaters verfüge, so habe ich mir mittlerweile aber
durchaus Kenntnisse angelesen. Innerhalb der Psychologie und Psychiatrie
gibt es einen bekannten Problempunkt. Ich spreche hier vom sogenannten
Bestätigungsfehler. Um diesen Bestätigungsfehler mit meinen eigenen
Worten zu beschreiben: Sie haben als psychiatrischer Arzt, der eine Diagnose
stellen soll, einen »Ersteindruck« vom Patienten. Dieser Ersteindruck
mag auf einem Vorurteil beruhen. Aber das Problem ist, dass Sie, wenn auch
nur unbewusst, dazu [>184] neigen werden, sich im Laufe der weiteren
Diagnose und Behandlung Ihren Ersteindruck immer wieder zu bestätigen.
Damit will ich sagen: Es ist sehr schwierig für einen Arzt, sich selbst
und seine Diagnose kritisch zu hinterfragen.
Dabei ist es doch genau die Fähigkeit zur selbstkritischen
Hinterfragung, die einen seriösen Wissenschaftler auszeichnet. Er
muss bereit sein, seine eigenen Erkenntnisse, seine eigenen Überzeugungen
und seine eigenen Maßstäbe selbst immer wieder kritisch zu überprüfen
und gegebenenfalls auch neu zu bewerten. Gerade in der Psychiatrie ist
das aber kaum der Fall. Am einfachsten kann man sich wohl in der Psychiatrie
bewegen, wenn man seine eigenen Diagnosen erst gar nicht kritisch analysiert.
Wissen Sie, ein psychiatrischer Gutachter verdient
recht viel Geld, wenn er weiß, was die, die bei ihm Gutachten in
Auftrag geben, von ihm erwarten und möchten. Einer dieser Gutachter,
der auch in meinem Fall eine Rolle spielt, sagte vor einiger Zeit in eine
Fernsehkamera: »Ein Gutachter muss die Sprache der Richter verstehen.«
Das können Sie jetzt interpretieren, wie Sie wollen.
Es gibt Gutachter, die verfügen wirklich nur
über sehr unzureichende fachliche Fähigkeiten. Wenn sich solch
ein Gutachter dann auch noch nicht weiter um Recht und Gesetz schert, wenn
ihm der Proband letztlich auch noch als Mensch egal ist und er vor allem
darauf erpicht ist, dem Richter nach dem Mund zu schreiben, dann kommt
das heraus, was als Gefälligkeitsgutachten bekannt ist.
In meinem Fall gehe ich schon davon aus, dass ich
Opfer von Gefälligkeitsgutachten geworden bin. Und ich will Ihnen
sagen, wie es ist: In der Psychiatrie gibt es Scharlatane!
Es ist zwingend notwendig, gründlich hinter
die Kulissen zu blicken. Man muss die Wahrheit verlangen, um ein höchstmögliches
Maß an Transparenz zu erreichen. Geschieht dies nicht, geht es auf
unser aller Kosten. Im Moment ist es so, dass jeder Bürger Opfer des
psychiatrischen Systems werden kann."
Dieser Text basiert auf einer Rede, die Gustl
Mollath am 24. August 2013 auf der Tagung »Die Richter und ihre Denker«,
gehalten hat. Der Veranstalter war die Gießener Akademische Gesellschaft.
[>185]
Gustl Mollath spendet sein Autorenhonorar für dieses Buch
zu gleichen Teilen an die Initiative »Plantfor the Planet«,
die 2007 von dem damals neunjährigen Schüler Felix Finkbeiner
gegründet wurde (www.plant-for-the-planet.org), sowie an »Landmine.de«,
ein Aktionsbündnis, das von Thomas Küchenmeister gegründet
wurde und sich für ein Verbot von Landminen einsetzt (www.landmine.de).
http://www.sgipt.org/lit/westend/MollathWE.htm#Leseprobe
Die Irrenhaus-Macher -
Binnenstruktur einer erbarmungslosen Maschinerie von Justiz und
Gutachterwesen, die auf Einzelne angesetzt wird: „Unschuldige sind mit
Berufsverbot belegt, mit Festnahmen und Hausdurchsuchungen
eingeschüchtert worden, Kinder sind ihrer Eltern beraubt worden, ihrer
Identität, ihrer psychischen und psychischen Unversehrtheit beraubt –
oft für ein ganzes Leben.“
http://jugendamtwatch.blogspot.de/2013/08/die-irrenhaus-macher-binnenstruktur.html