Es ist mir eine Ehre und gleichzeitig ein Bedürfnis, zu euch heute
sprechen zu können. Der 60. Jahrestag zur Befreiung von Auschwitz, der
hierzulande am 27. Januar als Gedenken an die Shoa und damit auch zur
Befreiung vom Hitlerfaschismus begangen wird, war zwar die Befreiung von
Auschwitz, aber nur für ganz wenige Gefangene, nämlich diejenigen, die,
krank und gehbehindert, nicht auf den Todesmarsch gehen konnten. Viele
Gefangene fanden auf den Todesmärschen den Tod, die nicht nur von
Auschwitz ausgingen, sondern auch von anderen Konzentrationslagern, weil
die SS-Schergen, die bewaffnet neben uns liefen, alle erschossen, die
hinfielen und nicht schnell genug aufstehen konnten.
Ich ging auf dem Todesmarsch, der von Ravensbrück ausging.
Das
war Ende April 1945. Zu siebt in einer Reihe marschierten wir Tage und
Nächte. Wir sieben Mädchen trafen uns beim Todesmarsch wieder, als
unsere Kolonne die Gefangenen des Nebenlagers von Ravensbrück "Malchow"
mitnahmen. Die sechs jungen Frauen waren mit mir seit 1942 im
Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree und fuhren mit mir
gemeinsam in Viehwaggons in das Vernichtungslager Auschwitz, wo wir am
20. April 1943 ankamen. Dort hatten wir uns aus den Augen verloren. Umso
glücklicher waren wir, uns auf dem Todesmarsch wieder gefunden zu
haben. Als wir in der Kolonne in Mecklenburg umherirrten, hörten wir,
wie ein SS-Mann zu einem anderen sagte, es dürfe nicht mehr geschossen
werden. Wir beschlossen, aus der Kolonne zu fliehen, warteten, bis wir
durch einen Wald kamen, und eine nach der anderen versteckten wir uns
hinter dicken Bäumen, bis die Kolonne mit der SS-Bewachung nicht mehr zu
sehen war. Dann zogen wir unsere Sträflingskleidung aus, darunter
hatten wir Zivilkleidung, und gingen in eine andere Richtung. Wir
erzählten uns, was wir erlebt hatten.
Ich war im
Oktober 1943 gemeinsam mit 70 Frauen von Auschwitz nach Ravensbrück
verbracht worden, weil das internationale Rote Kreuz nach sogenannten
Mischlingen gesucht hatte, die laut Nazigesetz in keinem
Vernichtungslager sein durften. Ich hatte eine christliche Großmutter,
die mir wahrscheinlich dass Leben gerettet hat. Aber auch die Musik
rettete mir das Leben, denn ich spielte im Mädchenorchester
Auschwitz-Birkenau Akkordeon und musste so keine physische Arbeit mehr
leisten. Vorher musste ich schwere Steine von einer Seite eines Feldes
auf die andere Seite schleppen. Am nächsten Tag mussten wir dieselben
Steine wieder zurückschleppen, wo sie vorher lagen. Diese Arbeit, die
völlig nutzlos und erniedrigend war machte ich drei bis vier Wochen. Ich
war schon völlig am Ende meiner Kräfte, denn die Devise der Nazis war
"Vernichtung durch Arbeit". Als ich eines Abends in den Block kam, in
dem wir "übernachteten" in Kojen mit 7-10 Gefangenen, ohne Decken und
Matratzen, stand Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, auch
eine Gefangene, im Block und suchte nach Frauen, die ein Musikinstrument
spielen konnten. Sie bekam von der SS den Befehl, ein Mädchenorchester
aufzustellen. Ich meldete mich, denn ich konnte Klavier spielen. Ein
Klavier gab es in Auschwitz nicht. Die Tschaikowska sagte, wenn ich
Akkordeon spielen könnte, würde sie mich prüfen. Da ich unbedingt von
dem schrecklichen Steineschleppen wegkommen musste, log ich und
behauptete, ich könne Akkordeon spielen. Durch meine Musikalität
schaffte ich die Prüfung und wurde ins Orchester aufgenommen. Wir
mussten am Tor spielen wenn die Arbeitskolonnen aus dem Lager
marschierten und wenn sie abends wieder zurückkamen. Später mussten wir
spielen, wenn neue Transporte aus ganz Europa ankamen, die direkt ins
Gas fuhren. Wir wussten wohin die Züge fuhren. Mit Tränen in den Augen
spielten wir. Die Menschen in den Zügen winkten uns zu. Sicher dachten
sie, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Hinter uns
standen die SS-Männer mit ihren Gewehren.
Nach
langen beschwerlichen Wegen trafen wir sieben Mädchen amerikanische
Soldaten, die uns in dem kleinen Städtchen Lübsz in ein Restaurant
einluden, nachdem wir ihnen unsere Nummer, die die Nazis uns auf unseren
linken Arm ein tätoviert hatten, zeigten. Dabei erzählte ich ihnen über
Auschwitz und das Mädchenorchester. Ein Amerikaner kam plötzlich und
schenkte mir ein Akkordeon. Dann hörten wir einen riesigen Krach auf der
Straße. Als wir aus dem Restaurant traten sahen wir die Rote Armee, die
einmarschierte und sie riefen uns zu: Kapitulation, der Krieg ist aus,
Hitler ist tot. Wir waren glücklich. Die Amis und die Russen lagen sich
in den Armen und küssten sich. Wir Mädchen waren dabei. Das war der
8. Mai 1945. Die Soldaten meinten, das müsse gefeiert werden. Ein
Amerikaner und ein Russe gingen in ein Geschäft, das neben dem
Marktplatz lag, sie holten ein riesiges Hitlerbild, stellten es auf den
Marktplatz und zündeten es an. Es brannte lichterloh und alle Soldaten
und die sechs Mädchen tanzten um das Bild herum und ich spielte die
Musik dazu.
Das war meine Befreiung, oder wie ich immer sage, das
war meine zweite Geburt. Darum meine ich, dass der 8. Mai hier doch ein
Nationalfeiertag sein müsste, die Befreiung vom Hitlerfaschismus. Und so
komme ich zum Thema von heute. Naziaufmärsche sind hier keine
Seltenheit. Antifaschisten werden zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil
sie gegen Naziaufmärsche demonstrieren. Demonstrierende gegen
Naziaufmärsche werden von der Polizei mit Wasserwerfern von der Straße
gefegt.
In Buxtehude wollte der Direktor eines Gymnasiums
verhindern, dass ich als Zeitzeugin und ehemalige Gefangene in Auschwitz
in seiner Schule vor ca. 200 Schülern meine Erlebnisse schildere. Der
Grund war, dass ich Mitglied der VVN - Bund der AntifaschistInnen sei
und diese ja im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindlich und
gewaltbereit stehen würde. Ich bin trotzdem dort als Zeitzeugin
aufgetreten. Die Schüler und ich haben uns durchgesetzt.
In
Landshut sollte nach Antrag der CSU beim dortigen Bürgermeister die VVN
von sämtlichen Veranstaltungen ausgegrenzt werden. Bleibt zu hoffen,
dass die VVN sich dort durchsetzen wird.
Unsere Regierenden
richten sich nicht nach unserem Grundgesetz, in dem es heißt, dass alle
Nachfolgeorganisationen und Parteien der NSDAP verboten sein müssen. Die
deutschen Gerichte halten es nicht für angebracht, die NPD und die DVU
zu verbieten. Der braune Mob vergrößert sich von Tag zu Tag. Wohin soll
das noch führen?
Unsere Vorbilder Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburg wären, würden sie noch leben, dagegen auf die Barrikaden
gegangen. Wir Antifaschistinnen und Antifaschisten müssen noch
intensiver gegen Neonazismus vorgehen, damit nie wieder geschehe was
damals geschah.
http://de.wikipedia.org/wiki/Esther_Bejarano(Auf
der Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Veranstaltung der DKP am 8. Januar in
Berlin, die ganz im Zeichen des 60. Jahrestages der Befreiung
Deutschlands vom Faschismus stand, hielt Esther Bejarano eine Rede.)
nach jahrelangen Kampf haben wir nun ein positives Ergebniss für unsere Tochter.
Wir sind umgezogen und es dauerte ein Jahr bis das JA Kamp-Lintfort die Unterlagen ... mehr