13.05.14

Missbrauch: Ehemaliger Betreuer von Göttinger Projekt angeklagt



Ein Missbrauchsskandal in der Schweiz, von dem auch ein Projekt des Göttinger Neurobiologen und Sachbuchautors Gerald Hüther betroffen ist, kommt vor Gericht.
 
© dpa (Symbolfoto)
Göttingen/Bern. Die Staatsanwaltschaft Oberland hat einen 44-jährigen Sozialpädagogen, der im Sommer 2010 als Betreuer an einem von Hüther mitinitiierten Almprojekt für Jungen mit ADHS-Symptomatik teilgenommen hatte, wegen sexueller Übergriffe auf 21 Kinder und Jugendliche angeklagt.
Die Behörde wirft dem Mann mehrfache sexuelle Nötigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern, Pornografie und das Verabreichen von gesundheitsgefährdenden Stoffen vor.
Der Sozialpädagoge soll die Taten zwischen 1998 und 2011 begangen haben. Die meisten Jungen seien zum Zeitpunkt der ersten Kontakte zwischen zehn und zwölf Jahre alt gewesen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.


Verhaltenstherapie ohne das Medikament Ritalin

Die Übergriffe hätten in der Privatwohnung des 44-Jährigen und in Alphütten stattgefunden. Eines der Opfer soll ein Junge aus Deutschland gewesen sein, der im Sommer 2010 an dem „Almprojekt“ der Sinn-Stiftung teilgenommen hatte.
Damals hatten sechs Jungen mit der Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) mehrere Wochen auf einer Alm im Berner Oberland verbracht. Hüther, der bis Frühjahr 2013 Präsident und Vorsitzender des Beirats der Sinn-Stiftung war, hatte das Projekt mitinitiiert und konzipiert.
Die Organisatoren priesen ihr medienwirksam vermarktetes Projekt als Verhaltenstherapie, die die Kinder in die Lage versetze, ohne das Medikament Ritalin auszukommen.
Über die angeblichen therapeutischen Erfolge hatten Hüther und der jetzt angeklagte Betreuer auch bei einem Vortragsabend in Göttingen berichtet. Der 44-Jährige schwärmte damals von „Wundern“, die auf der Alm passiert seien.


Pornografisches Bildmaterial?

Hüther hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Frühjahr 2013 zunächst dementiert, dass es bei dem Alm-Projekt zu sexuellen Übergriffen gekommen war. Später erklärte er in einer Stellungnahme, dass es für ihn „als Präsidenten der Sinn-Stiftung“ keine Hinweise auf sexuelle Missbrauchshandlungen während des Almaufenthaltes gegeben habe.
In einer Mitteilung der Sinn-Stiftung hieß es indes, dass die Verantwortlichen bereits im August 2012 von Vorwürfen erfahren hätten.
Laut Anklage soll der Sozialpädagoge von seinen Opfern auch pornografisches Bildmaterial angefertigt und es im Internet zum Tausch angeboten haben. Außerdem soll er mehreren Jungen große Mengen Alkohol und Marihuana gegeben und sie zum Konsum animiert haben.
Der 44-Jährige war 2012 festgenommen worden und sitzt seitdem in Haft. Das Alm-Projekt wurde mittlerweile eingestellt. Ob es erfolgreich war, ist unklar, da es nie evaluiert wurde.
Von Heidi Niemann

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