von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de
Im Juli 2014 haben Andrea und Rainer Heyligenstädt
im schleswig-holsteinischen Lübeck die Kindertagespflegeeinrichtung
"Indigo" eröffnet.
Als Andrea Heyligenstädt vor rund einem Jahr die
"Kindertagespflege Indigo" in Lübeck gründete, hatte sie eine genaue
Vorstellung davon, wer zu ihr kommen sollte. Ihr Angebot sei für "die
neuen Kinder" gedacht - so steht es im Konzept der Einrichtung, die sich
auch mit Mitteln der Stadt finanziert. "Man nennt die Kinder inzwischen
Indigo-, Kristall- oder Regenbogenkinder und schreibt ihnen besondere
Fähigkeiten zu", heißt es weiter.
"Ich erkenne das an den Augen"
Wer Heyligenstädt fragt, woran solche Kinder zu erkennen seien,
bekommt zur Antwort: "An der Aura". Je nach Inkarnation sei diese
feinstoffliche Hülle entweder indigoblau oder schimmere in verschiedenen
Farben. Allerdings könnten nur besonders veranlagte Menschen diese Aura
sehen. Heyligenstädt selbst sei zwar nicht hellsichtig, "aber
hellfühlig. Ich erkenne das an den Augen", sagt sie. "Indigo-Kinder"
seien "Revoluzzer, die alte Systeme aufbrechen" und würden oft als
aufsässig missverstanden. "Kristall-Kinder" seien besonders feinfühlig
und spirituell hoch entwickelt, "das sind die, die Liebe bringen".
Die "neuen Kinder"
Die Esoterik-Autorin Nancy Ann Tappe aus den USA erwähnte das Phänomen
der "Indigo-Kinder" erstmals 1982. Tappe zufolge kommen immer mehr
Kinder mit indigoblauer Aura auf die Welt. Anhänger dieser Idee glauben,
dass diese Kinder die Welt auf eine neue Evolutionsstufe heben. Den
"Indigos" werden bestimmte Merkmale zugeschrieben. Unter anderem hätten
sie einen besonders durchdringenden Blick und das Gefühl, königliche
Hoheiten zu sein. Sie seien aufsässig und würden bestehende Systeme
infrage stellen. Im Netz gibt es lange Listen, anhand derer Eltern
prüfen können, ob ihr Kind ein "Indigo" ist. Die Merkmale sind nach
Einschätzung von Kritikern so unspezifisch, dass sie auf fast alle
Kinder zutreffen könnten. Neben "Indigo-Kindern" kursieren in der
Esoterik-Szene auch Konzepte von "Kristall-Kindern",
"Regenbogen-Kindern" und "Sternen-Kindern".
Die 52-Jährige, die sich auch "Avatar Isis" nennt, ist eine
überzeugte Esoterikerin und bezeichnet sich selbst als "eines der ersten
Indigo-Kinder". Als "Coach für Persönlichkeitsentwicklung" bietet sie
außer der Kindertagespflege auch Lebensberatung an, "1 Euro für die
Minute" oder auch ein "Intensiv-Coaching" für 196 Euro pro Tag. Ihr Mann
Rainer ist Pädagoge und Waldorflehrer. Beide sind als qualifizierte
Tageseltern anerkannt und betreuen aktuell zehn Kinder. Bis auf einen
einkommensabhängigen Elternbeitrag und die Verpflegung übernimmt der
Lübecker Verbund Kindertagespflege die Kosten.
"Problematische Vermischung von Esoterik und Pädagogik"
Eine derartige Vermischung von Esoterik und Pädagogik, wie sie
Heyligenstädts Tagespflege-Konzept präsentiert, hält Matthias Pöhlmann,
Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, für "ziemlich problematisch".
Er hat sich mit dem Phänomen der "Indigo-Kinder"
intensiv auseinandergesetzt
und bezeichnet die Vorstellung, dass sie eine spezielle Aura haben als
"Fantasieprodukt". Das Netz ist voll von Seiten, die das esoterische
Phänomen aufgreifen, in Foren diskutieren Eltern über ihre angeblich
verkannten "Indigo"-Kinder, die in der Schule Probleme hätten.
"Neue Kinder" - ein esoterisches Phänomen
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Hinter dem Namen der Kindertagespflege von
Andrea und Rainer Heyligenstädt verbirgt sich ein esoterisches Konzept -
das der sogenannten "Indigos" und anderer "neuer Kinder". Diese sind
laut Heyligenstädt besonders begabte, spirituell hoch entwickelte
Seelen.
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Im Konzept ihrer Tagespflege haben Andrea
Heyligenstädt, die auch als "Coach für Lebensberatung" arbeitet, und ihr
Mann Rainer, ein ehemaliger Waldorflehrer, dieses esoterische Phänomen
aufgenommen. Ihr Ziel: Sie wollten diese "neuen Kinder" besonders
fördern. "Doch leider sind bisher keine zu uns gekommen", bedauert
Heyligenstädt.
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Im Netz werden die "neuen Kinder" als
Heilsbringer für die Menschheit an vielen Stellen beschrieben, etwa bei
engelmagazin.de. Sie seien anhand ihrer besonderen Aura zu erkennen,
heißt es. Die Esoterik-Szene unterscheidet zwischen rebellischen
"Indigo-Kindern" und den sensiblen "Kristall-Kindern", die Liebe und
Frieden auf die Erde bringen. Andere Namen, die kursieren, sind
"Regenbogen-Kinder" und "Sternen-Kinder".
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Auch Seiten wie naturheilmagazin.de, die sich
der sogenannten Alternativmedizin verschrieben haben, widmen sich in
vermeintlich wissenschaftlicher Manier dem Phänomen. Das Konzept der
"neuen Kinder" ist aus den USA nach Deutschland gekommen. Dort soll zu
Beginn der 1980er-Jahre die Hellseherin Nancy Ann Tappe erstmals Kinder
mit indigoblauer Aura beschrieben haben.
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In Online-Tests können Nutzer herausfinden, ob sie selbst möglicherweise ein "Indigo-" oder ein "Kristall"-Kind sind.
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Falls ja - befinden sie sich nach Angaben
mancher Esoteriker in illustrer Gesellschaft: Laut dieser Internet-Seite
sind der Golfer Tiger Woods, US-Präsident Barack Obama, Chelsea Clinton
und der Rapper Eminem prominente "Indigo-Kinder". Anderen Quellen
zufolge sollen auch Mozart, Goethe, Gorbatschow und Gandhi dazu gehören.
Pöhlmann ist zu dem Schluss gekommen, dass die esoterische Idee der
"neuen Kinder" vor allem Menschen anspricht, die der institutionellen
Pädagogik und fachärztlichen Angeboten misstrauten. Probleme wie die
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) würden
umgedeutet, indem einfach behauptet werde, das hyperaktive Kind sei ein
missverstandener "Indigo" - und damit etwas Besonderes. Denn: Die "neuen
Kinder" gelten in der Esoterik-Szene als spirituell besonders
entwickelt. Ihnen wird nachgesagt, dass sie die Menschheit voranbringen
und eine neue Evolutionsstufe einläuten.
Das sagen Sektenexperten
Matthias Pöhlmann, Experte für Weltanschauungsfragen der Evangelischen
Kirche Bayern, beschreibt das Phänomen der "neuen Kinder". Diese seien
der Inbegriff einer esoterischen Zukunftshoffnung.
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Tanja Spehr, Expertin von Sekten-Info Essen e.V., erklärt, wie ein Trend
der Esoterik-Szene aus den USA auch den deutschen Markt erobert hat.
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Ausländer statt Friedensbringer
Heyligenstädts Kindertagespflege hat sich allerdings bislang anders
entwickelt, als sie sich erhofft hat. "Wir hatten eigentlich gedacht,
dass wir hier mehr Friedensbringer kriegen." Ihre Erklärung, warum ihr
bislang kein einziges "Indigo"- oder "Kristall"-Kind untergekommen sei:
"Wir haben hier viele Ausländer, wir sind ja in einem Gebiet, wo viele
Asylanten sind", sagt die Frau mit den langen blonden Haaren.
In der Nachbarschaft der Kindertagespflege liegt ein Flüchtlingsheim.
Entsprechend "haben wir hier nur drei deutsche und sieben ausländische
Kinder". Letztere würden "von ihrer Kultur her nicht erzogen" und
bräuchten vor allem Grenzen. Ein Fünfjähriger, den sie betreut, habe
kürzlich vor ihr ausgespuckt und sie aufgefordert, ein Puzzleteil
aufzuheben. Ein Verhalten, das man - im Rahmen der zuvor beschriebenen
Logik - als rebellisches Verhalten eines "neuen Kindes" deuten könnte,
aber: "Das ist kein Indigo, meiner Ansicht nach. Der hat so ein ganz
altes Schema, was aus der muslimischen Kultur kommt, übernommen und
führt das weiter."
"Der Mensch an sich ist hier weiterentwickelt"
Auf Nachfrage argumentiert sie mit einer Mischung aus völkischer
Ideologie und Esoterik, dass "wir hier in Deutschland ja schon ein
bisschen weiter sind" und führt auf Nachfrage aus: "Der Mensch an sich
ist hier weiterentwickelt." Jede Kultur habe eine Gruppenseele, "so ein
Kollektivbewusstsein. Und das hat ja auch einen bestimmten
Entwicklungsstand." Dass in manchen Ländern Krieg herrsche, sei damit zu
erklären, dass die Gruppenseele Angst vor Veränderungen habe. Deshalb
würden dort auch höchstens Indigos inkarnieren, "ob sie aber
Kristall-Kinder haben, bezweifle ich. Die trauen sich da bestimmt nicht
hin." In Deutschland hingegen seien ihrer Schätzung nach etwa 60 Prozent
der Kinder "Indigos" und 20 Prozent "Kristall-Kinder".
Kritiker: "Neue-Kinder"-Phänomen fördert Narzissmus
Mit diesen kruden Thesen offenbart Heyligenstädt ein elitäres Denken,
das Kritiker Pöhlmann zufolge für Anhänger der Esoterik-Szene typisch
ist. "Sie glauben, Zugang zu besonderen Erkenntnissen zu haben."
Darüber hinaus hält er das "Neue-Kinder"-Phänomen insofern für
schwierig, als dass Kinder, die als "Indigo" oder "Kristall"
wahrgenommen werden, von ihren Bezugspersonen "entsprechend hofiert und
auf einen Sockel gestellt werden". Narzissmus und eine falsche
Selbstwahrnehmung des Kindes könnten die Folge sein. Gefährlich werde
es, wenn dieser Glaube verhindere, dass einem Kind, das beispielsweise
an ADHS erkrankt sei, entsprechende fachärztliche Hilfe verwehrt bleibe.
Pöhlmann findet es wichtig, dass das Jugendamt "Tageseltern, die solche
Ideen vertreten, im Auge behält".
Verbund Kindertagespflege will prüfen
Der Lübecker Verbund Kindertagespflege achtet bei der Auswahl der
Tageseltern einem Sprecher zufolge auf deren weltanschauliche Gesinnung.
Wesentlich sei, dass sich die Betreuer den Kindern gegenüber neutral
verhielten. Auf den esoterischen Hintergrund der "Kindertagespflege
Indigo" hingewiesen sagte er, die zuständige Stelle werde prüfen, "ob
uns da was durchgerutscht ist".
Nachtrag 30.07.2015: Nachdem NDR.de über die
Kindertagespflegeeinrichtung Indigo berichtet hat, haben sich nach
Angaben der Hansestadt Lübeck mehrere Behördenmitarbeiter mit der
Angelegenheit befasst. Es sei ein intensives Gespräch mit Andrea
Heyligenstädt geführt worden, in dem "sie sich eindeutig vom
Rechtsextremismus distanziert" habe. Sie habe "beim NDR Interview wohl
missverständlich formuliert". Die Mitarbeiter hätten nicht den Eindruck,
als versuche sie, die Kinder durch esoterische Erziehung zu
beeinflussen. Dennoch bleibe die Tagesmutter unter Beobachtung.